Gefallener Engel aus dem Computer

(c) Sony Interactive Entertainment; Screenshot: Haubner

„Horizon Forbidden West“ steckt voller Anspielungen und markiert eine Zeitwende der Frauendarstellung in Videospielen.

Ist Technik ein Segen oder ein Fluch? Das ist eine müßige Frage, denn zum einen ist sie natürlich beides. Zum anderen lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen, Industrialisierung und digitales Zeitalter haben den Globus unumkehrbar verändert. Dass wir in den Zustand der vorzivilisatorischen Unschuld nie mehr zurückkommen, ist eine der zentralen Botschaften des neuen Playstation-Blockbusters „Horizon Forbidden West“. Die Menschheit wurde durch eine globale Katastrophe in die Ära der Jäger und Sammler zurückgeworfen, doch in den vor hunderten von Jahren versunkenen Datennetzen rumort es noch. Zwei künstliche Intelligenzen namens Gaia und Hades fechten im Verborgenen einen ultimativen Krieg aus, in dem sich entscheidet, ob Homo Sapiens noch eine zweite Chance bekommt oder nicht. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse wird in „Horizon“ von IT-Systemen ausgetragen.

Der Grundgedanke der „Horizon“-Reihe ist bereits in einer Erzählung des Science-Fiction-Visionärs Philip K. Dick zu finden: Eine sich autonom reproduzierende Technik verselbständigt sich und ist im Begriff, die Ressourcen der Erde aufzuzehren. Gaia, entwickelt von der Wissenschaftlerin Elisabeth Sobeck, trägt nicht umsonst den Namen der Göttin der griechischen Mythologie, die als personifizierte Erde verehrt wurde. Als Gehirn eines globalen Terraforming-Systems soll Gaia die Schäden an der Biosphäre beseitigen und der endgültigen Zerstörung des menschlichen Lebensraums entgegenwirken – „ein unsterblicher Wächter, der Neuerschaffung des Lebens gewidmet“.

Hades ist zunächst ein Teil von Gaia und soll bei der Neuschöpfung der Welt auftretende Fehler beseitigen. Doch die KI wird sich ihrer selbst bewusst und rebelliert, was wohl nicht ganz zufällig an den Lucifer-Mythos erinnert. Der gefallene Engel aus dem Computer wendet sich gegen seine Schöpfer und droht, der menschlichen Zivilisation endgültig den Garaus zu machen. 1000 Jahre nach diesen Ereignissen wird die Erde von drachenartigen Maschinenwesen beherrscht. Da findet die junge Kriegerin Aloy eine Art Datenbrille, die ihr Einblick in die noch immer schwelende Auseinandersetzung gewährt. Aus der zunächst Ausgestoßenen wird eine „Sehende“, und sie erkennt, dass es ihre Bestimmung ist, Hades endgültig unschädlich zu machen.

Man verrät sicher nicht zu viel, wenn man sagt, dass Hades in der Fortsetzung, „Horizon Forbidden West“ noch immer sein Unwesen treibt. Abermals darf sich Aloy in nun noch kunstvoller choreographierten und mit allerlei technischen Finessen gespickten Kämpfen gegen die Robo-Dinos austoben. Ihre wichtigste Aufgabe ist es allerdings, im titelgebenden „Verbotenen Westen“ ein Backup von Gaia aufzutreiben. Und die Zeit drängt, wird die Natur doch von einer geheimnisvollen Seuche heimgesucht, die die Existenz aller bedroht. Es fällt nicht schwer, darin eine Anspielung auf den Klimawandel zu erkennen. Auch Aloy hat alle Hände voll damit zu tun, ihren Zeitgenossen zu erklären, dass die Gefahr real ist und nur vom Menschen selbst aufgehalten werden kann. Doch statt auf offene Ohren zu treffen, bekommt sie es mit untereinander verfeindeten Stämmen und einer Männerwelt zu tun, die sich in einer ernsten Legitimationskrise befindet. So muss sich Aloy gegen unbelehrbare Gelehrten, ohnmächtige Machthaber und korrupten Lokalfürsten behaupten, die die Welt lieber zugrunde gehen lassen, als auf ihre Privilegien zu verzichten.

Dass eine jugendliche Heldin den Männern erklärt, wie das alles zusammenhängt mit der Technik, ist sicher ein Novum. „Horizon Forbidden West“ ist ein Beleg dafür, dass das in Videospielen vermittelte Frauenbild sich stark verändert hat. Den Herstellern ist keineswegs entgangen, dass das Interesse an Videospielen zwischen Frauen und Männern mittlerweile nahezu gleich verteilt ist, wie auch der Branchenverband Bitkom feststellt. Dass weibliche Spieler Games nur als niederschwelligen Zeitvertrieb am Handy konsumieren, wurde in Studien längst widerlegt. Dennoch mussten die Heroinnen einen steinigen Weg zurücklegen, um bei Aloy anzukommen.

Diesen Weg ebneten Figuren wie Lara Croft oder die Raumreisende Samus Aran aus Nintendos „Metroid“-Reihe. Sie gehörten zu den ersten Frauenfiguren, die gänzlich ohne maskuline Unterstützung zurechtkamen. Samus Raumanzug ließ sie fast geschlechtsneutral erscheinen, Spieler, die nicht mit ihrer Weiblichkeit zurechtkamen, konnten sie ganz einfach ignorieren. Die ersten Versionen der schlagkräftigen Archäologin waren im Gegensatz dazu eher als Augenfutter für die männliche Klientel konzipiert. Erst mit der Neukonzeption der „Tomb Raider“-Reihe ab dem Jahr 2013 wurde ihr eine echte Persönlichkeit zugesprochen.

Ein weiterer Hauptdarsteller von „Forbidden West“ ist die fantastisch in Szene gesetzte offene Spielwelt, in der man 100 Stunden und mehr verbringen kann und doch immer wieder Neues entdeckt. Solche „Open Worlds“ beißen sich mitunter mit dem Anspruch, eine Geschichte zu erzählen. Auch im neuen Teil der „Horizon“-Reihe geht der Übergang zwischen großer spielerischer Freiheit und Handlung nicht immer ganz nahtlos vonstatten. Man kann viel Zeit mit dem Feilen an Kampffähigkeiten und Ausrüstung, dem Entdecken verborgener Ort und Schätze und Scharmützeln mit Robotern und feindlichen Kriegern zubringen. Um in der Erzählung voranzukommen, muss man aber immer wieder vertrackte Labyrinthe durchkämmen, knifflige Kletterpartien meistern und Bossgegner besiegen. Dabei hat man oft gar keine Lust, die sich im Wechsel der Tageszeiten spektakulär verändernde Landschaft zu verlassen, würde allerdings eine ebenso spannende wie vielschichtige Geschichte verpassen, wenn man es nicht täte.

Fakten

Hersteller: Guerrilla Games / Sony

USK: ab 12 Jahren

Mitspieler: nein

Deutsche Sprachausgabe: Ja

Plattformen: PlayStation 4/5

Preis: ca. 80 Euro

Kölner Stadt-Anzeiger

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