Alles wieder da!

Die alten Sprüche funktionieren mitunter doch am besten. „Totgesagte leben länger“ zum Beispiel, eine unverwüstliche Binsenweisheit, die sich quasi selbst bestätigt. Oder man sagt es mit den Worten des Musikjournalisten Ingo Scheel: „Alles, was mal populär war, taugt zum Revival.“

Musik wird heute vor allem gestreamt, aber in der Nische kann sich die analoge Kassette in Deutschland mit 9 Prozent am Umsatz der physischen Tonträger immer noch behaupten, Tendenz steigend. In England stieg der Umsatz 2020 sogar um 103 Prozent.

(Textauszüge) Bei analogen Kameras, edlem Vinyl oder Sammlereditionen von Filmklassikern mag die Sache noch einleuchten. Kunstvollere Bilder, schickere Hüllen, Nostalgie. Alles schön und gut. Aber CDs, Camcorder, VHS-Bänder und Musikkassetten? Silberscheiben in schnöden Plastikboxen, bei denen die Halterung schon vom Anschauen aus dem Gehäuse bröselt? Bandsalat, ausgebleichte Bilder und böse Blicke, weil der Film mal wieder nicht zurückgespult wurde? Wer will das ernsthaft wiederhaben? (…)

Vom Dachboden zu Tiktok
Dass der Charme der alten Bänder auch auf Jüngere überspringt, belegt ein Besuch beim Videoportal Tiktok. Die Minifilmchen sprechen eine Generation an, die Videotheken nur aus Erzählungen ihrer Eltern oder gar Großeltern kennt und für die DVD-Player schon Technikgeschichte sind. Ein Hit auf
Tiktok sind gerade Videos von auf Flohmärkten oder Dachböden gefundenen Camcordern, in denen noch die alten Bänder steckten. Ein bisschen wie im Horrorfilm-Genre „Found Footage“, deutsch „gefundenes Material“, sorgt es für einen besonderen Kick, sich Privataufnahmen anzuschauen, die nie für die Öffentlichkeit gedacht waren. Selbst wenn darauf am Ende nur unaufgeräumte Zimmer und ein paar nackte Füße zu sehen sind. Spannend ist offenbar auch die spröde Ästhetik der wackeligen, blassen, von Streifen durchzogenen Bilder. Wer bei Tiktok das Stichwort „VHS“ eingibt, stößt bald auf Anleitungen, wie man seinen Videos einen authentischen „VHS-Look“ verleiht. Dafür gibt es in der digitalen Welt unzählige Fotofilter-Apps. Manch einer macht sich sogar die Mühe, seine Handyvideos per Adapter auf VHS-Kassetten zu übertragen, um das Ergebnis dann stolz vom Röhrenfernseher abzufilmen und ins Netz zu stellen. Und das in Zeiten, in denen „Ultra HD“ fast schon Standard ist und jeder halbwegs vernünftige
Fernseher Bilder im 16:9-Breitbildformat darstellen kann. (…)

Aus Liebe zum Bandsalat
Das vor fast vier Dekaden, im Oktober 1984, in Japan gestartete Format hat einige Vorteile zu bieten. Es kann, sofern sich die Produzenten die Mühe gemacht haben, ausgezeichnete Audioqualität beinhalten, ist platzsparend und robust. Wie Vinyl erinnert es daran, dass Alben nicht nur aus zufällig zusammengewürfelten Songs bestehen, sondern sorgfältig konzipierte Gesamtkunstwerke sind. Und wenn Live-Konzerte heute der einzige Weg für Musiker sind, Geld zu verdienen, dann sind CDs und Musikkassetten die billigste und praktikabelste Vertriebsart für unabhängige Nachwuchsbands.
Die Alternative: Bei Spotify & Co. in der schieren Masse unterzugehen und dafür mit ein paar Cent abgespeist zu werden.

Nicht von ungefähr finden sich an den Merch-Ständen auf Punkrock-, Hardcore- und Metal-Konzerten neben T-Shirts oft selbst produzierte Tonträger. Und neben CDs immer öfter: Audiokassetten. Die
seien, so Musikjournalist Scheel, „emotional extrem aufgeladen“. Ein paar Mixtapes oder „???“-Hörspiele dürften noch in den meisten Haushalten mit Ü40-Angehörigen schlummern. Wer in seiner Jugend einen der ersten „körpergebundenen Kleinanlagen für hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen“, wie es im Patent von 1977 heißt, sein Eigen nannte, kann die Liebe zum Bandsalat nachvollziehen. „Der Walkman ist das Smartphone der Achtzigerjahre: teuer, allgegenwärtig und Gegenstand vieler Debatten“, schreibt Tobi Müller in seinem lesenswerten Buch „Play Pause Repeat“.

Lesen Sie weiter:

https://www.ksta.de/ratgeber/digital/camcorder–kassetten–vinyl—co–warum-alte-medien-gefragt-sind-wie-seit-jahren-nicht-39843188

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.