Frisch Gestreamt (Kolumne für Games.ch)
Neueste Folge https://www.games.ch/features/artikel/frisch-gestreamt-special-mVN/
März: https://www.games.ch/features/artikel/frisch-gestreamt-special-mQ9/
Die Geschichte der Mafia
Für Playstation Blog habe ich in vier Beiträgen die Geschichte der Sizilianischen Mafia und ihre Rolle für die Populärkultur beleuchtet.
https://blog.de.playstation.com/author/steffen-haubner/

Buchprojekte
Wecke den Joker in dir. Von den fiesesten Bösewichten der Filmgeschichte lernen
Der Joker, Hannibal Lecter, Scarface. Filmschurken enden meist, wie sie sind: böse. Doch immerhin haben sie die Welt für eine Weile in Atem gehalten. Und sie sind sich selbst treu geblieben, denn wer so richtig »bad to the bone« ist, kann nicht plötzlich zum Wohltäter werden. Schurken faszinieren uns mehr als Helden, denn sie leben aus, was wir nie wagen würden. Aber auch ohne gleich zu Kettensäge oder Atombombe zu greifen, kann man viel lernen von den größten Fieslingen aller Zeiten: für die Karriere, den Alltag oder um endlich effektiv die eigene Position zu vertreten. Und vielleicht klappt’s ja doch irgendwann mit der Weltherrschaft!
Erschienen bei riva, 2020

Arbeitsproben
Schlacht um Algier (erschienen in: „Filme der 60er-Jahre“, Taschen Verlag)
„Will you kindly explain to me why the Sartres are always born on the other side?“ Colonel Mathieu
Eine Landschaft, eine ganze Welt aus Gesichtern. Sie sind es, die diesen Film zum Leuchten bringen. Unweigerlich denkt man an Fellini, doch hier haben die Physiognomien nichts Groteskes, alles Überdrehte, Operettenhafte geht ihnen ab. Es sind Gesichter wie aus den Felsen gehauen, auf denen die Stadt Algier errichtet wurde. Hart und unbeugsam, voller Stolz und doch gezeichnet von jahrzehntelanger Unterdrückung als Menschen zweiter Klasse im eigenen Land, ohnmächtig der Willkür der Besatzer ausgeliefert. 400.000 Araber lebten Mitte der 50er-Jahre in Algier, in eigenen Vierteln, die unter dem Druck aktueller Ereignisse schließlich zu Ghettos wurden. Die engen Gassen der Kasbah, fürwahr eine Festung, umzingelt und bedrängt von den Wohnblocks und Villen der französischen Kolonialherren. Das öffentliche arabische Leben findet im Untergrund statt, in den Gängen eines Labyrinths, Zuflucht und Gefängnis gleichermaßen. Es ist die Heimat des Kleinkriminellen Ali Ammar (Brahim Haggiag), der, im Gefängnis radikalisiert, unter dem Namen Ali la Pointe zu einem der Führer der algerischen Befreiungsbewegung aufsteigt.
Der Film, ein machtvolles, in all seiner Klarheit niederschmetterndes wie augenöffnendes Plädoyer gegen jede Form von Kolonialismus, basiert auf realen historischen Ereignissen. Im September 1956 begann die algerische „Front de Libération Nationale“ mit einer Serie von Bombenanschlägen. Die Aufständischen tauchten mit Unterstützung der einheimischen Bevölkerung in der Kasbah unter. Kurz darauf folgten „Säuberungsaktionen“ der 10. französische Fallschirmjägerdivision unter General Jacques Massu, verbunden mit Folterungen und rücksichtlosen Morden an der Bevölkerung. Ursprünglich sollte ein von einem internationalen Star gespielter Held im Mittelpunkt stehen, der sein Land in die Freiheit führt – für Pontecorvo künstlerisch wie historisch der völlig falsche Ansatz. Stattdessen engagierte er Laiendarsteller und legte so den Grundstein für das, was Peter Matthews den „absoluten Inbegriff des Counter Cinema“ („absolute pinnacle of counter cinema“) genannt hat. Der Hauptdarsteller Brahim Hadjadj ist ein analphabetischer Bauer, den Pontecorvo zufällig auf dem Markt entdeckte. Hollywoods Starkult setzt Pontecorvo ein Denkmal für das Volk entgegen, das sich, all seiner Anführer beraubt, aus eigener Kraft zur Freiheit erhebt.
Authentizität verleihen dem Film auch die mit einer Handkamera gedrehten Bilder, häufig begleitet von Durchsagen und Radiosendungen, die „Schlacht um Algier“ streckenweise wie einen Dokumentarfilm erscheinen lassen. Dass der Film oft in die Nähe des Cinéma vérité gerückt wurde, ist aber allenfalls die halbe Wahrheit. Pontecorvos Inszenierung nutzt alle Möglichkeiten der künstlerischen Dramatisierung – von extremen Perspektiven über die Kontrastierung schneller Bewegungen und wogender Menschenmassen mit der festungsartigen, monumentalen Architektur bis hin zu symbolisch aufgeladenen Bildern wie dem christushaft mit nacktem Oberkörper und seitlich ausgestreckten Armen durchs Bild getragenen Anschlagsopfer. Und immer wieder rückt die Kamera ganz nah an die Gesichter heran, das Publikum ist kein distanzierter Betrachter, sondern muss die Zumutung ertragen, Teil des Geschehens zu sein.
Unterstützt wird all das durch Ennio Morricones Musik, die rhythmische, fast monotone Wiederholung eines minimalistischen Themas, auf dem alles aufbaut und das mit den schrillen Kampfschreien der algerischen Frauen korrespondiert. Eigentlich ist es die Musik für einen Western, wie Morricone selbst sagt. Auch hier suggeriert sie die Unausweichlichkeit der Ereignisse, die Befreiung der Algerier, nicht etwa durch den Terror der FLN, sondern durch den Druck der Straße, dem selbst mit rücksichtslosester Repression nicht dauerhaft beizukommen ist. „Musikalische Bilder“ nannte Pontecorvo einmal dieses Verschmelzen der beiden Ebenen, und manchmal, so fügte er hinzu, sei die Musik bedeutsamer, als das, was man sehe.
Bei den Filmfestspielen in Venedig 1966, bei denen „Schlacht um Algier“ den Goldenen Löwen gewann, boykottierte die französische Delegation die Aufführung, nachdem man vergeblich versucht hatte, eine Teilnahme des Films zu verhindern. Die Willkür und die Gräuel von französischer Seite führt Pontecorvo in aller Drastik vor. Schon die erste Szene zeigt ein physisch wie psychisch gebrochenes Folteroper, dessen Verrat das Ende von Ali la Pointe besiegeln wird. Diese Gewissheit wirft einen dunklen Schatten auf den gesamten Film, der das in ein umso strahlenderes Licht rücken lässt. Einseitigkeit kann man dem Regisseur dennoch nicht vorwerfen. Auch die menschenverachtenden Anschläge der FLN, ohne Rücksicht auf das Leben Unschuldiger, selbst das kleiner Kinder, werden in schockierender Deutlichkeit in Szene gesetzt.
Zu den Schlüsselszenen gehören auch die Auftritte des Colonel Mathieu (von Jean Martin als einem der wenigen echten Schauspieler dargestellt) und des festgenommenen FLN-Anführers Ben M’Hidi vor der Presse. Die Franzosen, als „Nazis“ beschimpft, verweisen darauf, dass Mathieu als Mitglied der Resistance gegen die Deutschen gekämpft hat. Ein Freiheitskämpfer, der sich zum Handlanger der Unterdrücker macht im Namen der absurden Überzeugung, dass Algerien tatsächlich Teil des französischen Staatsgebietes sei. Und Ben M’Hidi pariert die Frage eines Journalisten, ob man sich der feigen Anschläge mittels in Körben versteckter Bomben nicht schäme, mit dem Hinweis auf die amerikanischen Angriffe auf vietnamesische Dörfer: „Give us your bombers, and you can have our baskets.“ Pontecorvo und sein Koautor Franco Solinas stellen die Ereignisse von Algier damit in einen größeren weltpolitischen Kontext, auf einen global herrschenden Zynismus, der die eigenen Gräueltaten stets mit der Schuld anderer rechtfertigt. Jenseits aller Fragen um Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld lassen sie keinen Zweifel daran: Wo die Menschlichkeit endet, begeht der Mensch Verrat an sich selbst.
OT: La battaglia di Algeri
1966 – Italien, Algerien – 117 Minuten – Drama, Kriegsfilm
Regie: Gillo Pontecorvo; Drehbuch: Gillo Pontecorvo, Franco Solinas; Kamera: Marcello Gatti; Schnitt: Mario Morra, Mario Serandei; Musik: Ennio Morricone, Gillo Pontecorvo; Produktion: Antonio Musu, Yacef Saadi
Besetzung: Brahim Hadjadj (Ali La Pointe), Jean Martin (Col. Mathieu), Yacef Saadi (Djafar), Samia Kerbash (Mädchen), Ugo Paletti (Captain), Fusia El Kader (Halima)
Internationale Filmfestspiele von Venedig (1966): Goldener Löwe und FIPRESCI-Preis
Academy Awards (nominiert): Bestes Drehbuch, beste Regie, bester fremdsprachiger Film (1967)
Quotes
„Eine überzeugende Dokumentation in Spielfilmform, äußerlich nüchtern und leidenschaftslos, innerlich mit unüberhörbarem menschlichen und politischen Engagement.“ Evangelischer Filmbeobachter
„That’s the only film in the world that I wish I had directed.“ Mira Nair
„Acts of violence don’t win wars. Neither wars nor revolutions. Terrorism is useful as a start. But then, the people themselves must act. That’s the rationale behind this strike: to mobilize all Algerians, to assess our strength.“ Filmzitat, Ben M’Hidi
Glossar: Gillo Pontecorvo
Wenn der Begriff „politischer Regisseur“ je auf jemanden zugetroffen hat, dann auf den 1919 geborenen Italiener, der seine berufliche Laufbahn als Journalist begann, ab 1953 zunächst Dokumentationen und seinen ersten Spielfilm (Das Leben ist ohne Gnade mit Yves Montand in der Hauptrolle) erst 1957 drehte. Für das KZ-Drama „Kapo“ (1959) erntete er harsche Kritik von Jacques Rivette, der vor allem an Pontecorvos vermeintlicher Ästhetisierung des Todes Anstoß nahm. „Schlacht um Algier“ blieb der größte Triumph des Regisseurs, der danach mit „Queimada – Insel des Schreckens“ („Burn!“, 1969) und „Ogro“ („Operación Ogro“, 1979) nur noch ganze zwei Filme drehte. Wie bereits bei „Schlacht um Algier“ führte Pontecorvo erbitterte Auseinandersetzungen mit den Produzenten, insbesondere aufgrund seiner Entscheidung, fast ausschließlich Laiendarsteller zu casten. Er wolle für jeden Charakter das richtige Gesicht finden, was nur auf dieser Basis möglich sei, wie er später erklärte. Bei „Queimada“ kamen heftige Meinungsverschiedenheiten mit Marlon Brando, bei „Ogro“ die Sorge des Regisseurs, mit seiner Arbeit dem Terrorismus Vorschub zu leisten, hinzu. All das mag dazu beigetragen haben, dass sich Pontecorvo nie wieder zur Realisierung eines Stoffes durchringen konnte. Wegbegleiter führen indessen den Perfektionismus und die nagenden Selbstzweifel des Künstlers an, der zahllose Regisseure wie Oliver Stone, Steven Soderbergh und Spike Lee beeinflusste und ohne den Meisterwerke wie das Oscar-prämierte Revolutionsdrama „Roma“ (2018) wohl nicht denkbar wären.



